Dr. Frank Matthias Rudolph im Experten­interview

ADHS im Erwachsenenalter? Für viele Ärzt*innen immer noch Neuland. Dr. Frank Matthias Rudolph berichtet von seinen Erfahrungen und erklärt, warum eine Diagnose so wichtig ist und welche Begleiterkrankungen bei ADHS typisch sind.

Ein Porträtfoto von Dr. Frank Matthias Rudolph
ADHS im Erwachsenenalter? Für viele Ärzt*innen immer noch Neuland. Dr. Frank Matthias Rudolph berichtet von seinen Erfahrungen und erklärt, warum eine Diagnose so wichtig ist und welche Begleiterkrankungen bei ADHS typisch sind.

Dr. Rudolph, was unterscheidet ADHS in der Kindheit und im Erwachsenenalter?

Vor 15 Jahren haben noch alle gesagt: ADHS wächst sich aus, das gibt es gar nicht im Erwachsenenalter. Ich denke, das liegt daran, dass sich die Symptome verändern. Kinder sind oft hyperaktiv und impulsiv. Als Erwachsene*r lernt man, das ein Stück weit zu kontrollieren. ADHS zeigt sich dann oftmals in einer inneren Unruhe, einem Getriebensein.

Und wie unterscheidet es sich nach Geschlecht?

Frauen beißen viel mehr die Zähne zusammen, die kämpfen sich durch. Das hat viel mit der Sozialisation und der Erziehung zu tun: „Ein braves Mädchen ist so und so.“ Bei Jungen wird eher gefördert: „Hey, das ist ein wilder Junge, ein richtiger Kerl.“

Ein weiterer Aspekt: Wir denken immer an den Zappelphilipp – einen Jungen. Aber auch bei Mädchen gibt es die hyperaktive Form. Da denkt nur keiner dran. Ich glaube, ADHS gibt es im Kindesalter genauso oft bei Mädchen wie bei Jungen.

Info

Über unseren Experten

Dr. Frank Matthias Rudolph ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und langjähriger Leiter einer Spezialambulanz für Erwachsene mit ADHS. In unserem Podcast sprechen wir darüber, warum so viele Betroffene erst spät eine Diagnose bekommen, welche Ursachen für ADHS eine Rolle spielen können und wie ADHS Beziehungen und Beruf beeinflusst.

Welche Begleiterscheinungen und Folgeerkrankungen gibt es?

In den letzten Jahren kam kaum jemand mit ADHS zum Arzt. Sondern mit Depression, einer Angst-, Persönlichkeits- oder Essstörung, Borderline und zig anderen Diagnosen. Dass es sich dabei um Begleiterscheinungen oder Folgeerkrankungen von ADHS handelt, wussten wir nicht. Viele Ärztinnen und Ärzte haben zu ADHS im Erwachsenenalter weder im Studium noch in der Facharztausbildung etwas gelernt. Da war es immer nur eine Kinderkrankheit.

Ist ADHS eine Hype-Diagnose?

Nein. ADHS ist immer noch unterdiagnostiziert. Es laufen immer noch ganz viele Patientinnen und Patienten mit ADHS herum, ohne dass es erkannt wird. Die sind zwar in Behandlung, aber es denkt keiner dran! Das Schlimme ist: Wenn die ADHS nicht erkannt wird, können auch die Folge- oder Begleiterkrankungen nicht gut behandelt werden.

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