Neue Studie der pronova BKK:

Familien in der Corona-Krise

Eine aktuelle repräsentative Studie der pronova BKK beleuchtet die Einstellungen und Stimmungen von Familien in der Corona-Krise. Wir haben hierfür 1.000 Menschen mit mindestens einem minderjährigen Kind im Haushalt befragt. Die auf Gesundheitsthemen spezialisierte Zukunftsforscherin Corinna Mühlhausen ordnet die Ergebnisse im Gespräch ein.

Fragt man nach den generellen Befürchtungen, machen sich Eltern neben der Angst vor einer Erkrankung ihres Kindes beziehungsweise ihrer Kinder vor allem Sorgen angesichts der globalen Risiken einer belasteten Umwelt und weiteren Pandemien beziehungsweise einer neuen Corona-Welle. Darüber hinaus haben vor allem Eltern jüngerer Kinder konkrete neue Ängste: Sie befürchten psychische Belastungen für das Kind beziehungsweise die Kinder oder spätere wirtschaftliche Nachteile für die Kinder.

GESPALTENES MEINUNGSBILD ZUR IMPFPFLICHT FÜR KINDER

Das Thema Impfen wurde selten so aktiv diskutiert wie aktuell. Mehr als ein Viertel hält das Impfen generell für notwendiger als zuvor. 16 Prozent sehen das Impfen aktuell kritischer. Bei der Frage nach einer Impfpflicht für Kinder gegen Corona spaltet sich die Elternschaft in zwei Lager: Die Hälfte der Eltern würde es begrüßen, wenn die STIKO die Impfung empfiehlt. Vier von zehn Eltern lehnen eine verpflichtende Impfung hingegen ab. Die Impfbereitschaft ist dafür allerdings höher: Sechs von zehn Eltern würden ihr Kind beziehungsweise ihre Kinder gegen Corona impfen lassen, wenn ein Impfstoff zugelassen ist, jedes sechste Elternteil auch ohne Empfehlung. Für etwas mehr als ein Viertel kommt eine Corona-Impfung für den Nachwuchs nicht in Frage, egal, was die STIKO empfiehlt: Die Sorgen vor Nebenwirkungen sind vielfach (58 Prozent) größer als vor einer Ansteckung mit schwerem Krankheitsverlauf. Zudem sprechen sich deutliche Mehrheiten dafür aus, erst einmal besonders gefährdete Personen(-gruppen) zu impfen (80 Prozent). Fast zwei Drittel der Eltern befürchten darüber hinaus eine versteckte Impfpflicht, wenn einzelne Aktivitäten nur für geimpfte Kinder möglich sein sollten.

MÜDE, ANTRIEBSLOS, UNKONZENTRIERT

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Jüngsten aus? Die Häufigkeit der Symptome unterscheidet sich je nach Alter des Kindes. Während Müdigkeit und Antriebslosigkeit bei Kindern ab elf Jahren dominieren, spielt Unruhe in diesen Altersgruppen eine vergleichsweise geringere Rolle. Auffällig ist in der Gruppe der Sechs-bis Zehnjährigen, dass alle abgefragten Symptome 2021 häufiger als vor zwei Jahren auftreten, insbesondere Konzentrationsprobleme, Unruhe und Sehschwierigkeiten.

VIEL SCHATTEN, ABER AUCH LICHT

In einem Drittel der Unternehmen, in denen die Eltern beschäftigt sind, gab es gesonderte Angebote speziell für Eltern, zum Beispiel Homeoffice oder flexible Arbeitszeitmodelle. In fast vier von zehn Unternehmen haben alle Beschäftigten die gleichen Angebote erhalten. Mehr als einem Viertel der Eltern wurden nur die vorgeschriebenen Angebote zum Homeoffice ermöglicht. Mehr als die Hälfte der berufstätigen Eltern (53 Prozent) fühlte sich mit Homeschooling, Kinderbetreuung und Arbeit manchmal komplett überfordert.

Die Corona-Krise hat viel in den Familien verändert. Zugenommen haben in der Zeit aber nicht nur der Medienkonsum (79 Prozent) und in selteneren Fällen Streit in der Familie (36 Prozent), sondern auch die Gespräche der Familienmitglieder untereinander (70 Prozent) und gemeinsame Aktivitäten (64 Prozent). Entsprechend stellen drei Viertel der Eltern fest, dass die Familie in der Krisenzeit zusammengewachsen ist und die Kinder durch die Nähe zu den Eltern gestärkt wurden.

FAMILIEN SCHAFFEN NACH DER PANDEMIE NEUE SPIELREGELN:
CORINNA MÜHLHAUSEN IM GESPRÄCH

In 84 Prozent der Haushalte haben alle Kinder alle von der STIKO empfohlenen Impfungen erhalten. Bei Corona-Impfungen sind Eltern gespaltener Meinung. Jetzt ist die STIKO-Empfehlung für Kinder ab zwölf Jahren da. Sind Eltern unter Druck?

Covid-19 ist eine besonders dramatische Krankheit, noch nie wurde eine Impfung so stark diskutiert und so offen mit Ängsten umgegangen. Die soziale Kontrolle erschwert die Abwägung von Risiken. Viele Familien müssen sich rechtfertigen, wenn sie sich gegen eine Impfung von Kindern entscheiden. Hier hilft es, miteinander zu sprechen. Langfristig wird die Zeit der Pandemie beeinflussen, wie die Kinder mit den Themen Impfung und Vorsorge umgehen, wenn sie selbst erwachsen sind. Es ist zu erwarten, dass das gesundheitsbewusste Verhalten künftig einen immer höheren Stellenwert erhält.

Sind die Kinder nicht noch zu jung für so viel Verantwortung?

Wenn sie im Dialog mit ihren Eltern sind, nicht. Es ist ein positiver Effekt, dass in Familien offener über medizinische Themen und auch die psychische Gesundheit gesprochen wird. Die Zehnjährigen bis 15-Jährigen waren besonders von den Folgen der Pandemie betroffen. Sie hatten weniger Gelegenheit, ihre Freunde zu treffen und mussten im Lockdown viel Zeit mit den Eltern verbringen, von denen sie sich ja eigentlich abnabeln wollen. Eltern wurde überdeutlich vor Augen geführt, dass ihre Kinder sie als Gesprächspartner und Anker brauchen.

Nach den Lockdowns freuen sich die Familien laut Studie besonders über die Öffnungen von Schule und Kita. Hat sich die Bedeutung von Bildung gewandelt?

Die letzten Monate haben Eltern vor Augen geführt, welche facettenreichen Aufgaben das Bildungssystem im Leben der Kinder übernimmt. Schulen und Kitas sind ein stabilisierender Rahmen für das Aufwachsen und die Entwicklung. In der Folge wird sich das System verändern. Mentale Gesundheit wird wichtiger werden. Es wird ein neuer Beruf an der Schnittstelle zwischen Lehrer, Erziehern und Sozialpädagogen entstehen, der die Bereiche zum Wohle der Kinder besser vernetzt.

Besonders die Eltern freuen sich auch darüber, dass Kinder jetzt wieder mehr Alternativen zum Medienkonsum haben. Aber kommen sie ohne Smartphone und Co. noch zurecht?

In der Pandemie hat sich das soziale Miteinander zwangsläufig auf Medien verlagert. Die Generation Z kann und will nicht mehr ohne die digitalen Helfer. Hier braucht es Impulse, am besten von Vorbildern wie Youtubern, die einen kritischen Blick auf den Medienkonsum wagen und zu einer Medienpause einladen. Die Kinder sind heute besser zu einer ganzheitlichen Betrachtung der psychischen und physischen Folgen in der Lage.

Die Studie zeigt aber auch, dass zu Hause mehr gesprochen, mehr zusammen unternommen oder gespielt wurde. Wird das auch nach Corona bleiben?

Es ist möglich, dass gemeinsame Aktivitäten privat Bestand haben. Doch das muss gelebt werden, sonst stellen sich schnell die Vor-Covid-Rituale ein. Vielleicht fanden es die Familienmitglieder schön, Brettspiele zu spielen, Jugendliche haben das Kochen oder Backen entdeckt. Das sollten sie auch nach der Krise aktiv weiterbetreiben.

Als alle mehr zu Hause waren, haben sich auch Aufgaben und Rollen im Haushalt verschoben. Gibt es jetzt ein Zurück zu traditionellen Rollen oder sind langfristig neue Modelle entstanden?

Es gab beide Entwicklungen. Die Studie zeigt, dass die Pandemie besonders für Frauen eine anstrengende Zeit war, die oft überfordert mit Homeoffice und Homeschooling waren. An den Rollenbildern der Kinder hat sich etwas verändert: Der Vater war plötzlich häufiger zuhause, es gab eine neue Form von Miteinander. Schon jetzt ermöglichen viele Firmen Vertrauensarbeitszeiten und Homeoffice. Spätestens wenn die heutigen Kinder in den Beruf einsteigen, werden sie neue Spielregeln in der Arbeitswelt auch bei den Firmen erzwingen, die jetzt nur das gesetzliche Muss angeboten haben.

Laut Studie sind nicht nur neue Rollenbilder, sondern auch neue Ängste der Eltern entstanden…

Die Angst vor einer weiteren Pandemie wird das Gesundheitsverhalten und das Bemühen um Vorsorge zukünftig mitbestimmen. Familien sind extrem von der Covid-Krise betroffen, sie haben sich aber mit Mut und Durchhaltevermögen aus der Überforderung befreit. Drei Viertel der Eltern geben an, dass die Familie zusammengewachsen sei. Das zeigt, über welche großartigen Resilienzfähigkeiten sie verfügen. Die Menschen haben verstanden, dass Krisen nur gemeinschaftlich überstanden werden können – im Sinne einer Wir-Kultur werden sie sich künftig verstärkt darum kümmern, Mensch, Tier und Umwelt nachhaltig gesund zu erhalten.

Corinna Mühlhausen ist neben ihrer Gastprofessur für Trend- und Zukunftsforschung, die sie in den Jahren 2019/2020 an die Technische Hochschule Lübeck Fachbereich Architektur und Stadtplanung führte, als Lehrbeauftragte an der Akademie für multimediale Ausbildung und Kommunikation AG (AMAK AG) und deren Partnerinstituten im Studiengang Trendmanagement tätig. Corinna Mühlhausen lebt mit ihren beiden Söhnen in Hamburg.

Die komplette Studie ist hier abrufbar

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